Beim Wegkreuz am Hochfeld setze ich mich auf die Bank. Die Luft riecht nach gemähtem Heu und in der Ferne sehe ich die Mieminger Berge. (Foto: Knut Kuckel)
Beim Wegkreuz am Hochfeld setze ich mich auf die Bank. Die Luft riecht nach gemähtem Heu und in der Ferne sehe ich die Mieminger Berge. (Foto: Knut Kuckel)

Heimkommen ins Almenland der Mieminger Berge

Gefühlt durfte ich ein Jahr lang nicht mehr nach Mieming fahren. Dieses Schicksal teilten mit mir zahlreiche Grenzgänger aus Bayern und Tirol. Jetzt dürfen wir uns wieder besuchen.

Als ich nach so langer Zeit wieder die Möserer Dorfstraße hinunterfuhr und in der Ferne die Mieminger Berge und das Plateau sah, war das wie heimkommen.

Vergleichbare Gefühle hatte ich nie zuvor. Auch nicht, wenn ich nach längerer Zeit dorthin zurückfuhr, wo ich auch mal zeitweise daheim war. Dort, wo mich die Arbeit hinführte, musste ich immer in kurzer Zeit Land und Leute kennen lernen. Das war eine Grundvoraussetzung in meinem Beruf. Eine ungeschriebene Regel sah für diese Form der Einarbeitung maximal drei Monate vor.

Das ging nie ohne geplante Vorstellungsrunde bei den wichtigsten Menschen des öffentlichen Lebens in Politik, Wirtschaft, Religionen, Organisationen und Verbänden. Es war meine Aufgabe, auf diese Menschen zuzugehen, mich bekannt zu machen und Meinungen und Erwartungshaltungen auszuloten.

Ich wollte aber nicht nur aus beruflichen Gründen wissen, was den Menschen wichtig ist, deren Gast ich war. Eine ältere Kollegin gab mir ihre Empfehlung mit auf den Weg: „Glaub mir, es verdichtet sich alles im Lokalen.“ Deshalb bin ich wohl auch Journalist geworden. Um vorrangig auf Menschen zu treffen, die der Gesellschaft gut tun. Wie auch immer. Ehrenamtlich, sozial – politisch engagiert im regionalen Raum.

Als ich nach meinem Berufsleben zum ersten Mal nach Tirol kam, mochte ich die Menschen von der ersten Begegnung an sehr gerne. Sie verkörpern Bodenhaftung, sind verlässliche Charaktere. Die wesentlichen Markenzeichen meiner Tiroler. Darunter viele Bauern. Mein Bezug zur Landwirtschaft scheint bei mir irgendwie genetisch vorbestimmt zu sein.

Es liegt sicherlich daran, dass meine Familie schon immer einen sehr engen Bezug zur Bauernschaft hatte. Als Kind von Flüchtlingen wurde mir die ein oder andere Geschichte aus der Nachkriegszeit erzählt. Unter anderem, dass es der Bauer aus dem Nachbardorf war, bei dem es immer etwas zu essen und zu trinken gab. “Seine Türen standen für uns offen”, erzählte die Mutter. “Vergiss das nie.” So was prägt. Und hält ein Leben lang.

Heute weiß ich, dass ich mich vom Landleben immer schon mehr angezogen fühlte, als vom Leben in der Stadt. Mein aktives Arbeitsleben war stadtgebunden. Gelebt habe ich immer an der Peripherie. Bevorzugt im ländlichen Raum.

Es gibt Momente, da denke ich darüber nach, wie es denn gewesen wäre, wenn ich auf einem Bauernhof zur Welt gekommen wäre?

Morgens um sechs stehe ich gerne auf, an die Arbeit im Stall und auf dem Feld müsste ich mich gewöhnen. An das Rückwärtsfahren mit Traktor und schwerem Gerät ebenso. Das wäre aber in jungen Jahren zu schaffen gewesen. An Sonn- und Feiertagen zu arbeiten, war in meinem Beruf auch üblich.

Jetzt komme ich wieder häufiger ins Almenland Miemingerberg. Weil ich Geschichten über die Menschen sammeln möchte, die Land und Region jahrhundertelang geprägt haben. Bis heute.

Franzi und Christoph Post (Sonnenhof Mieming) haben mich in ihrem Hause aufgenommen. Hier darf ich schreiben. Nachdem ich das erste Mal aufwachte, schaute ich mich um. Im nahen Umfeld. Mitten in Obermieming.

Andreas Fischer schenkt mir zur Begrüßung einen selbstgebrannten Birnenschnaps mit dem Logo „Almenland Mieminerberg“ im Etikett. (Foto: Knut Kuckel)

Bin zum Auftakt beim neuen Nachbarn auf Besuch. Beim Dorfschreiber, dem Fischer Andreas. Der schenkt mir zur Begrüßung einen selbst gebrannten Birnenschnaps mit dem Logo Almenland Miemingerberg im Etikett.

Welch ein Geschenk!

Das Anstoßen und Verkosten verschieben wir. Der Tag ist noch jung.

Andrä hilft mir beim Geschichten finden und schreiben. Dafür hätte ich ihm ein Geschenk mitbringen müssen. 

Anschließend besuche ich die Georgskirche. Vom Haus der Fischers in Obermieming nur ein paar Gehminuten entfernt. Den Kirchturm sehe ich von meiner Schreibstube aus. Nach einer kleinen Andacht treffe ich mich auf einen Ratscher mit dem Wild Georg. Sein Haus soll älter sein als das Georgskirchlein.

Andreas Fischer bestätigt das und erzählt, „die Kirche wurde 1071 gebaut. Zum ersten Mal. 1340 ein zweites Mal, am Wiesenrand von Obermieming.”

St. Georgskirche, Obermieming. (Foto: Knut Kuckel)

Die heutige Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert. “Höher gelegen als die erste”, sagt der Andrä. “Wird bald renoviert. Ist wohl wieder nötig, nach der Generalsanierung vor 26 Jahren. Mehr dazu können dir die Kirchenleute erzählen.“ Die Georgskirche steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Das alte Bauernhaus vom Wild Georg wird übrigens von ihm höchstpersönlich beschützt. „Das wollten mir schon viele abkaufen. Hat mich aber nie interessiert. Hier war und bin ich daheim. So bleibt das auch. Solange es mich gibt.“ Eine lokale Berühmtheit war der Georg schon immer. Über die Grenzen seines Hofes hinaus bekannt wurde er, weil der erste Bergdoktor in seinem Haus gedreht wurde. Harald Krassnitzer war seinerzeit Hauptdarsteller. “Ich wurde oft von den Filmleuten gefragt, was am Tiroler Bauernhof geht und was nicht”, erzählt der Georg.

Wir verabreden uns. Georg will mir sein Haus zeigen und die ein oder andere Geschichte aus seinem Leben erzählen. Menschen wie er, haben den Ruf, ein Original zu sein.

Ich gehe weiter, zur Josefskapelle. Das habe ich immer gemacht, wenn ich länger nicht in Obermieming war. Danke sagen, für alles, was das eigene Leben ausmacht. Und von der Bank beim Brunnen aus (unter der Kastanie) hinauf zum “Fisch” schauen, dem Mieminger Ferner.

Der Mieminger Ferner sieht aus wie ein Fisch. (Foto: Knut Kuckel)

Auf dem Weg zur Josefskapelle treffe ich die ersten Bauern aus dem Ort. Als erster begegnet mir der Spielmann Martin, hoch auf seinem Traktor. Er erkennt mich. Bleibt stehen, öffnet die Tür und fragt „…mal wieder da?“ – Wir reden ein wenig, dann muss er weiter. Heute ist Heumahd. Wichtig, wenn’s mal aufhört zu regnen und die Sonne scheint.

Mit der Heuernte beschäftigt war auch mein früherer Hauswirt, der Post Hannes. Sein Bruder Christoph hilft ihm. Ich treffe später noch den Grabner Andreas (den Steirer), den Kapeller Franz und den Scharmer Konrad. Konrad war gerade im Stadel beim Ziegenmelken.

Der Scharmer Konrad freut sich auf unsere Gespräche und sichert mir seine Unterstützung zu. Die Idee, für „Almenland Miemingerberg“ Geschichten zu sammeln, um sie neu zu erzählen, findet er sehr gut. „Irgendwer muss das ja mal machen und wir Bauern haben dazu nicht viel Zeit.“

Von allen Seiten erfahre ich Zustimmung. Ich freue mich über so viele Mutmacher und beschließe, bevor ich am nächsten Tag wieder abreise, einen kleinen Rundweg zu machen. Beim Wegkreuz am Hochfeld setze ich mich auf die Bank. Halte ein wenig Andacht und schaue auf die Mais-, Erdäpfel- und Getreidefelder. Im Hintergrund der Weiler Fiecht. In Wolken.

Schafe in Obermieming. (Foto: Knut Kuckel)

Dann sehe ich ein paar Schafe, darunter junge Tscheggen, für die der Sommer auf der Seebenalm noch zu beschwerlich wäre. Von ihrem prominenten Weideplatz aus, schauen sie wahlweise nach Fiecht oder zu den Nachbarn nach Wildermieming.

An solchen Tagen und in vergleichbaren Momenten, beneide ich die Bergschafe. So oder so, ich weiß von den Schafhaltern aus Obermieming, Barwies und Untermieming, wie sehr sie auf ihre Tiere achten. Sie tun alles, damit es denen gut geht. Auch solche Geschichten erzählen wir in „Almenland Miemingerberg“.

Ab und zu greife ich nach dem Smartphone und mache ein paar Bilder. Keine supertollen Profi-Fotos werden das, aber sie stehen ein wenig für die Atmosphäre, die mich in Stimmung bringt. Der Blick auf das Wahrzeichen von Obermieming, die Georgskirche. Gleich wo ich gerade gehe und stehe, ich sehe sie immer. Oder Maria Himmelfahrt, die Pfarrkirche von Untermieming. Wie oft bin ich früher diesen Rundweg gegangen? Das weiß ich nicht mehr so genau. Hunderte Mal und mehr?

Die Luft riecht nach frisch gemähtem Heu, die Krähenvögel sind nach den langen Regentagen bester Stimmung und in der Ferne sehe ich die Wallfahrtskirche Locherboden, die Simmeringalm und den „Fisch“ in den Mieminger Bergen.

Auch das Zukehren beim Stieglwirt wird zum Erlebnis. Alle sind da, so als wäre ich nur kurz weg gewesen. Die Kranebitter Hilde, die Altwirtin, ihre Nachfolgerin und Tochter Barbara, mit ihrem Mann Didi Oberdanner, der mit dem Anbau am weit über hundert Jahre alten Gasthaus beschäftigt ist. Didi schaut kurz rein, klopft mir auf die Schulter und sagt “Willkommen daheim!” – Markus Kranebitter lädt mich zu einer Almfahrt ein. “Da machen die Stiegl-Buam ein bisserl Musik.” Wir vertagen uns. Heute nicht mehr, aber das machen wir mal wieder.

Am Tisch habe ich Gelegenheit meine Wissenslücken zu schließen. Höre zu und erfahre, was sich alles in den vergangenen Jahren ereignet hat. Und was neu ist. Das ist mehr als nur gelebte Chronik. Das ist Ankommen.

Almenland am Miemingerberg – Geschichten bäuerlicher Lebensformen

Heimkommen ins Almenland der Mieminger Berge. (Fotos: Knut Kuckel)

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Von
Knut Kuckel
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